Film mit Ablaufdatum: Muttertag

January 20, 2007 at 9:42 am | Posted in Austria, Comedy, Film, German, Posts in German, Review | 3 Comments

Indien PosterA heartfelt apology to the English speaking readers, but this post is going to have to be in German. Habe mir soeben die vielgerühmte österreichische Komödie Muttertag (Regie: Harald Sicheritz) angesehen. Die Erwartungen waren hoch, schließlich hat mich der letzte vergleichbare Film Indien (R: Paul Harather) – ebenfalls aus Österreich, ebenfalls Komödie, beide aus 1993 und mit teilweise gleicher Besetzung – zum Heulen und Lachen gebracht. Obendrein hat der nette Paul Sedlacek, der auch für den Vierteiler Die zweite Republik Regie geführt hat, beides geschnitten – vielversprechender kann es ja kaum kommen.

Die Zuschauerin wurde enttäuscht. Muttertag ist nach genauerem Besehen ein Film mit Ablaufdatum: geeignet für Komiknostalgiker, die den Film 1993 schon im Kino gesehen haben und jetzt noch mal über die alten Witze lachen wollen. Deutschen verlangen nach bald 30 Jahren noch immer nach dem Zitronencremebällchen aus (oder auf) Loriots Kosakenzipfel, in Österreich erzählt man sich vermutlich gerne Szenen aus Muttertag. Die letzte Behauptung ist reine Spekulation.

Bei Muttertag geht es um die kruden sozialen Begegnungen zwischen den Bewohnern einer Neubausiedlung, in der laut Anzeigetafel bereits 3477 Kinder leben (die Tafel schaltet eben ums, als sie ins Bild tritt). Der Familienvater hat ein Verhältnis mit der Inline-Skater-Schnepfe, der Sohn komische Hobbies, die Meerschweine und Computer zum Thema haben, der Opa soll ins Heim, damit dann endlich die Wohnung renoviert werden kann, die Nachbarin sieht alles, etc. pp.

Es könnte jede Menge Komisches passieren in einer solchen Zusammensetzung, wenn man dem Film das objektive Jahr 1993, aber subjektiv gefühlte Jahr 1988 nicht so schmerzhaft anmerken würde: an einer Reihe von Zutaten, die es größtenteils und Gottlob nicht ins neue Millenium geschafft haben. Zutaten, die dem Liebhaber wahrscheinlich lieb und teuer sind, mir aber ein Gräuel waren und als da wären:

  1. MuttertagKinder werden von erwachsenen Schauspielern gespielt: Das erinnert grausam an Fernsehulkereien wie Klimbim, ist in solchen bühnenverwandten Formen und auf der Bühne sicher auch hervorragend aufgehoben. Im Spielfilm ist’s mir unerträglich. Obendrein gibt’s dazu noch eine Pfadfindergruppenleiterin, die das mangelnd Kinderhafte ihrer Schützlinge dadurch versucht zu kompensieren, dass sie sie mit “Achtung, Kinder” adressiert und zum Wegschauen zu bringen sucht, wenn der Nachbar die Trudy knutscht. Und die Diskrepanz damit noch erhöht. Im Bild: Alfred Dorfer als der vorgeblich 14-jährige Sohn.


  2. Düringer MuttertagKlamauk bis ins Kostüm: Dass mit Erwachsenen in Kinderklamotten kein Method acting zu machen ist, ist eh klar und ist auch nicht das Ziel von Komödien. Dass die kindischen Gesten auf 30jährigen Körpern nicht funktionieren, wundert niemanden. Wenn aber auch das Kostüm so absurd gewählt sein muss, dass volljährige Schauspielerinnen mit Rattenzöpfen, Nickelbrillen und kurzen Latzhöschen rumlaufen müssen (und in diese reingreifen, weil sie zum ersten Mal menstruieren), wenn sich bei Oppa die Latexglatze wölbt und alle Kassengestelle tragen, wartet man nur noch auf den Karnevalspräsidenten. Wolle mer se roilasse?


  3. Richy Guitar CoverDas absolut unerträglichste und schmerzhafteste Erzählmittel der deutschsprachigen 80er-Jahre-Komödie aber ist die olle Fußgängerzonenpunkband, Rockmusik aus Verstärkern dröhnend, die sich kein Punk jemals hat leisten können, und scherzhaftes Spiel mit den – natürlich – urspießigen Zuhörern treibend, der nietenbeschlagenen Frontfrau mit zuviel Make-up folgend, so werden wir sie den ganzen Film über nicht los. Im Park lungern sie herum, immer ein Lied auf den Lippen, begleiten den Film mit kritischem Kommentar im Songtext und natürlich gibt es am Schluss ein Fest, wo die olle Band auch schon wieder aufspielt, als gäbe es nur diese eine Band auf der Welt. Und was anderes als Punkrock würde sich der Kleinbürger zum Spanferkel auch wünschen? Zwischendurch verursachen die Punker aber mal auch Ärger, berauben etwa einen Kurier eines Beutels mit einer Spenderniere und lecken sich schon die Lippen. — Das Bild ist erkennbar nicht aus Muttertag, sondern einem anderen schlimmen Film der 80er, in dem auch so eine kommentarfreudige Band in der Fußgängerzone rumsteht: Richy Guitar (1985) mit den ganz jungen Ärzten. Bitte nicht kaufen.

Genug gemotzt. Wenn man diese drei Aspekte ignoriert, dann kann es u.U. ein ganz amüsanter Film sein, wenn man dem sozialkritischen Klamauk nicht abhold ist. Ich für meinen Teil bin wohl noch zu sehr traumatisiert von meiner Jugend, in der das Klamaukkino Deutschland fest in den Händen hielt. Selbst Man spricht Deutsh konnte mir bestenfalls ein müdes Arschrunzeln entlocken. Andererseits sollte man manche Kabarettstücke einfach wirklich nicht für den Film adaptieren – und wenn doch, dann wenigstens die Punkband draußen lassen.

Indien (Österreich 1993, 90 min) Regie: Paul Harather. Mit und geschrieben von Josef Hader und Alfred Dorfer. IMDB

Muttertag (Österreich 1993, 95 min) Regie: Paul Harather. Mit Alfred Dorfer, Reinhard Nowak, Lukas Resetarits. IMDB

Richie Guitar (Deutschland 1985, 90 min) Regie: Michael Laux. Mit Farin Urlaub und Bela B. Felsenheimer. IMDB

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3 Comments »

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  1. Tag!

    Bin gerage auf den Artikel gestossen und muß anmerken: dieser Film ist KULT!

    keine weitere aussage dazu nötig.

  2. Hallo,
    bin durch Zufall auf deinen Artikel gestoßen und muss ein wenig dazu senfen.
    Ich bin selbst Wienerin, Ende 20 und stamme somit aus der “Generation Muttertag”. Es werden beinahe alle Rollen des Filmes von den vier Schauspielern der Kabarettgruppe “Schlaberett” gespielt, die überzeichnete Darstellung von Kind, Hausfrau und Opa wurde daher meiner Ansicht nach perfekt gewählt.
    Viele Zitate des Films haben sich in den Sprachschatz der Wiener meiner Generation eingeschlichen (bestes Beispiel “I sog´s glei, I wars ned”) und die Schauspieler sind Fixpunkte der Kabarettszene. Fazit: wie Uschi bereits schrieb, dieser Film ist schlichtweg Kult.
    Ich kann mir allerdings vorstellen, dass er möglicher Weise außerhalb Ostösterreichs kaum verstanden wird. Wie heißts nicht immer: “Wien ist anders”.

  3. Ich glaub meine Erwartungen waren einfach zu groß, als ich den Film endlich gesehen hab, und als Kabarettstück funktioniert er vermutlich besser als als Film. “Indien” ist ja mittlerweile einer meiner Lieblingsfilme, drum wollte ich jetzt nicht alles auf interkulturelle Unterschiede zwischen Ostösterreich und dem Rest der Welt schieben;-)


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